Das Mitbringen von Tonbandgeräten in die Veranstaltung ist nicht gestattet

Verfasst am 16.03.2013 19:31:50 Uhr

Ein schwersamtener Vorhang schützt vor dem Draußen und der anderen Wirklichkeit. Nur eine dürre Notwendigkeit erinnert an den in wenigen Stunden unausbleiblichen Sprung in diese andere Wirklichkeit.

Und dann steht da ein Junge mit verwehten Haaren auf der Bühne und singt wie Rio Reiser mit Honigbonbons in der Stimme, rot-blaue LEDs der Bühnenbeleuchtung stempeln mir Lichtpunkte auf die Netzhaut, während der Schlagzeugtakt das Sonnengeflecht durchkämmt.

Und eine Muttersprache, die so rau sein kann, nicht klebrig-bergig, sondern spröd-küstisch, und ich bin immer noch schnell verliebt in das Gefühl, das schmächtige Jungs mit von norddeutschen Seewinden zerpflügten Haaren und sechs Saiten ohne Effektgeräte schon immer in mir erzeugt haben, lasse mich immer noch beglückt mit einem verliebten Teenagerherzen von einer Discokugel beeindrucken, die wie eine zartstrahlige Sonne den Raum mit Lichtflecken verziert.

Fairgehandelte Tocotronicfrisurenjungs, und auch ich trage ein weißbesternchentes Armed-Angels-Tuch aus dunkelblaugewirkter, freilaufender Baumwolle. Wir flechten uns Kleingretchenzöpfe und streicheln die bakterienstarrenden Displays unserer Telefone häufiger und sensibler, als die Haut unserer Mitmenschen.

Wann wird multimedial museal?
Wann sind wir bloß noch die Sicherungskopie einer Sicherungskopie einer Kopie?
Und bitte die Hand heben, wer am Montag nicht zurück an den Schreibtisch eines ungekündigten Arbeitsverhältnisses kehrt.

Erst, wenn die letzte Flasche Pullundersaft getrunken ist, werden wie begreifen, dass man Prekariatsauthentizität nicht trinken kann. Erst, wenn der letzte Pony gefönt wurde, werden wir merken, dass uns Schulterbeutel nicht durch den Winter bringen.

Mein Herz ist schwer wie ein Planet.

„We can be heroes, just for one day…“

Verfasst am 30.07.2003 19:57:57 Uhr

„The moon drops red tonight
dance on a sparkle
forget your innerst fright
and learn to think

Forfill your soul´s strenght
and push your heart to burst
walk on the saturn´s lenght
touching his golden rings

Rush with a twinkly star
joke with a chocolate bar
look on that earth so far
– ain´t it so dead bizarre?“

(13.08.1998)

Das Leben sollte sich öfters anfühlen wie ein richtig guter Popsong: verzerrte Gitarren, ein quäkender Synthesizer, mehrstimmiger, melodischer Gesang und ein bißchen Herzschmerz.

Nie sollte das Leben so indifferent und geschmacksneutral sein wie purer Frischkäse, weder zum Süßen, noch zum Salzigen tendierend, sanft, weich und weiß.

Das Leben muss Ecken und Kanten, Höhen und Tiefen haben.
Und es muss kunterbunt sein.

Und, das Wichtigste von allem, authentisch.

 

Januar. 23

Ha!

Alltag wieder. Gesund! Büro, Einkaufen, Kochen, Kino, Theater, Lesungen, Oper, Pilates – alles wieder möglich ohne Lautäußerungen, die an ein nahes Ableben erinnern.

Obwohl ich neulich – angeregt durch einen freien Nachmittag und eine überraschend willenstarke Sonne – quer durch meinen alternativen Lieblingsstadtteil hansguckindieluftete, in kleinen, schwedisch angehauchten Läden zwischen Schals, winzigkleinen Ringen und ketchuproten Strumpfhosen versackte, den wohl zartknusprigsten Flammkuchen ever verspeiste und eine große Schale Chai Latte schlürfte, wurden und werden den Winter und ich keine dicken Freunde mehr. Jaaaa, schoooon, Wollsocken und Leggins unter Jeans und dicke Schals sind super, aber die Unternehmungslust leidet. Und der Bewegungsmangel steigt proportional zur aufgenommenen Menge an Polyphenolen.

Also hopse ich im heimischen Wohnzimmer zu Internetvideos unfreiwillig ulkiger Überhangabbaubeauftragter und versuche, die Kondition wieder auf plus/minus 0 zu bringen.

Was gerade immer geht:

  • Auf dem Rücken liegen und lesen, bis einem das Lesgut unsanft auf’s Kinn knallt.
  • Essen! Alles, was warm, süß, ofenfrisch, gemüsig oder auch nur annähernd nach Feta riecht. Was beim Hineinbeißen knackt und Saft abgibt.
  • Kabarettsendungen gucken.
  • Vor der geöffneten Backofentür stehen und Nutznießer der Restwärme sein.
  • Sich vom heimischen Strickdeckenkissensockenheadquarter aka Sofa DOCH noch zu später, eiskalt angehauchter Tageszeit fortbewegen, um in einschlägigen Lieblingslichtspielhäusern im Lieblingssessel sitzend Chai zu trinken und Programmkinofilmprogramme hoch- und runterzugucken.
  • Den Sommer zu vermissen! Pinienluft, Wanderschuhe und die obligatorische Nussmischung im Rucksack.
  • Spanisch zu lernen. Jeden Tag. Seit 85 Tagen!
  • Tulpen
  • Ingwerwasser mit frischer Zitrone
  • KEKSE!

Januar. 5

Reset.

Schreiben? Ja, gerne. Wieder. Geist aufräumen und einfach los. Buchstaben, Interpunktion, Absätze. Also?

Wie angenehm wäre es, sich mit dem Ausgang des alten Jahrs ebenfalls erneuern zu können, herausschälen aus dem, was krank und bedrückt, was verwirrt, gehemmt, klein gemacht hat.

Und dann? Ein neuer Mensch? Nein, ein Update des Bisherigen. Mit abgeschliffenen Kanten? Bloß nicht! Eher sollte neue dazukommen. Ach, und von den Kerben dagegen dürfen es weniger sein. Aber blaue Flecken gehen immer. Und Staub an den Schienbeinen, vom Umherstreifen. Und von der Sonne ausgeblichene Haare, Sommersprossen, Druckstellen vom Rucksack. Der allerdings leichter werden muss.

Mehr Selbstfindung; mehr Inhalt, als stabile Wände oder eine gut schließende Tür.

Auf geht’s!